Freitag, 8. Oktober 2010

Tag der Deutschen "Einheit": Dummschwätzer verhindern Grenzspiel-Release

Am 03. Oktober sollte ursprünglich das "serious game" 1378 km veröffentlicht werden. Es handelt sich dabei um eine kostenlose HL²:Deathmatch-Mod, bei der der Spieler entweder die Rolle eines DDR-Grenzsoldaten oder die eines Flüchtlings übernimmt. Die "Grenzsoldaten" können dabei entscheiden, ob sie auf die Flüchtenden schiessen, sie verhaften, ihnen die Flucht gestatten oder gar selbst fliehen. Erschiesst man Flüchtlinge, kommt es zu einem fiktiven Prozess.
Das Release von 1378 km, das von einem Studenten der Karlsruher Hochsschule für Gestaltung entwicklet wurde, ist nun zunächst geplatzt. Grund: Übermäßig viele kritische Stimmen aus Politik, Presse und von Interessenverbänden.
Es ist - wieder einmal - eine regelrechte Hetzkampagne gegen ein Spiel entbrannt; in diesem Fall sogar gegen ein Unveröffentlichtes, von dem es bisher nur einen nichtssagenden Trailer zu sehen gab. An vorderster Front ereifern sich die Parteien, diesmal scheinbar unisono. Die Linke bezeichnet es als "geschmacklos und dumm", die SPD als "makaber und skandalös", bei der CDU wittert man eine "Verhöhnung der Opfer".
"So widerwärtig! Die Morde am Todesstreifen als Online-Spiel" lautet die Schlagzeile der BILD, die sich natürlich dankbar auf das brisante Thema stürzt. Die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) sieht in dem Spiel eine "unerträgliche Zumutung" für die Opfer und einen "weiteren Beitrag zur Brutalisierung und Enthemmung unserer Gesellschaft unter dem Deckmäntelchen der historischen Aufarbeitung". Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, erwägt sogar eine Strafanzeige gegen den Entwickler zu stellen - wegen Gewaltverherrlichung.
Leider entsteht hier der unangenehme Verdacht, dass wieder gedankenlos dahergeredet wird und die genannten Sprachorgane die üblichen, antiquierten Stammtischparolen auf ein engagiertes Projekt niederprasseln lassen. Klar, ein "Killerspiel" zur Verdeutlichung der Geschehnisse am damaligen DDR-Grenzstreifen, das kann nur falsch sein. Wie eben alle derartigen Spiele, die ja schon in der Vergangenheit Hassobjekt und Lieblingssündenbock von Politikern und Unterschichtenpresse waren. Dass der Spieler hier eben nicht straflos drauflosballern kann, wird völlig ausser acht gelassen.
Ebenso wie die Tatsache, dass das Spiel für junge Leute entwickelt wurde, die sich eben gerne mit diesem Medium beschäftigen, während Ausstellungen, Dokumentarfilme und andere klassische Formen der Aufarbeitung oft als langweilig oder "muffig" empfunden werden. Natürlich ist es nicht ohne, die Rolle eines Grenzsoldaten übernehmen zu können, aber gerade der im Spiel heraufbeschworene Gewissenskonflikt (wie handele ich?) trägt womöglich dazu bei, sich eingehender mit dem Thema zu befassen.
Aber nein, anstatt erst einmal das Release von 1378km abzuwarten und sich selbst ein Bild zu machen - ein Spiel, noch dazu ein Ego-SHOOTER, kann ja nur schlecht und gewaltverherrlichend sein und keine angemessene Aufarbeitung. Sagen die Kritiker.
Die Linke als SED-Nachfolger fühlt sich natürlich eh auf den Schlips getreten, schließlich haben ihre Vorgänger die vielen Mauertoten indirekt zu verantworten.
Man kann nur hoffen, dass sich der Programmierer durch das vorurteilsbehaftete Geschimpfe nicht beeindrucken lässt, zu seinem Werk steht und es - wie auf der Homepage angekündigt - zu einem späteren Zeitpunkt und mit einer begleitenden Diskussion veröffentlicht.

Quellen: schnittberichte.com, bild.de, 1378km.de, uokg.de

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